Sa

30

Jun

2012

Titellos

Der Titel der Kolumne passte wohl nie besser. Fußball-Deutschland trauert um das Halbfinalaus gegen Italien bei der EM 2012. Fest steht: Löw hatte Teilschuld. Kroos weniger, als viele denken und egal, ob Bayern oder Dortmund: eine Sache passte überhaupt nicht. Ein dicker Fehler wäre jetzt aber, alles auch schlecht zu reden - aber auch die EM aus deutscher Sicht mit der sogenannten Todesgruppe als toll zu bezeichnen. Titellos - die etwas andere Kolumne von Auf'm Platz. Falls sich jemand auf den Trikotkragen getreten fühlt, freut es uns.

 

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Von Raphael Wiesweg

Hallo liebe Sportfreunde, 

 

ja, auch ich war schon während des Spiels und vor allem nach Abpfiff gegen Italien sauer, ja gar angepisst. Doch nach einem Tag Abstand ist es umso wichtiger, kühlen Kopf zu bewahren und die Dinge richtig zu analysieren. 

   Schon vor dem Anpfiff des Halbfinales kann mir keiner sagen, dass Deutschland der Topfavorit war. Die sogenannte Todesgruppe entpuppte sich viel mehr als zahmes Kätzchen. Sicherlich hätte Deutschland wie im Viertelfinale schon mit Gruppengegnern wie Irland oder Ukraine befreiter, vielleicht besser spielen können. Doch bis auf das Griechenland-Spiel war es keine tolle Qualität. Es war gefühlt ein Rückschritt für das so hochgelobte Team von Joachim Löw. Griechenland hatte einfach weniger Qualität. Portugal wurde mit Glück geschlagen. Gegen die Niederlande reichten zwei geniale Momente von Schweinsteiger - gleichzeitig auch sein genialster Moment seit einigen Monaten - und Gomez. Und gegen Dänemark kann ich mich noch sehr gut erinnern, wie wir alle nach dem 1:1 gezittert haben. Ein weiteres Tor der Skandinavier und das frühzeitige Aus wäre perfekt gewesen.

   Das Spiel hatte immer noch nicht angefangen. Ich bin zwar nicht der Maulwurf, hörte aber schon am Nachmittag wieder von der wahrscheinlichen Aufstellung der DFB-Elf. Poldi, Kroos und Gomez von Anfang an. Schweinsteiger ebenfalls. Doch dazu später mehr. Ich fragte mich: Warum kein Reus? Jeder Amateurfußballer weiß, dass, wenn man in Form ist - und das war Reus zweifelsohne, nicht schon erst bei der EM, sondern schon seit vielen Monaten - gelingt einem gefühlt mit spielerischer Leichtigkeit mehr, als sonst. Kroos auf rechts? Wie passt das? Poldi? Ganz dickes Fragezeichen, denn: siehe Reus-Argumentation. Gomez? Bleibt einfach im fußballerischen Bereich limitiert. Seine Torquoten sowohl national als auch international (mit Bayern und Deutschland) sprechen eindeutig für ihn. Doch auch, wenn Italien die gefühlt seit der Steinzeit eingemeißelte Defensiv-Taktik seit knapp einem Jahr über Bord geworfen hat, so spielt das Land der leckeren Pizzen taktisch so stark, dass gefühlt dann doch wieder acht Mann (bis auf Balotelli und Cassano) um den eigenen Strafraum stehen. Da muss eindeutig ein spielstärkerer und mitspielender Stürmer wie Miroslav Klose aufgestellt werden.

Löw verrät sich selbst

Kaum war das Spiel angefpfiffen, traute ich meinen Augen nicht. Toni Kroos spielte Manndecker. Manndecker für Andrea Pirlo. Keine Frage, Pirlo ist ein begnadeter Fußballer. Für mich auf eine Stufe zu stellen mit Fußballern wie Messi, Ronaldo oder Iniesta. Doch Joachim Löw betonte schon Tage zuvor, dass man den Italienern den eigenen Stil aufs Auge drücken will. Und was verriet uns sogar Kommentator Steffen Simon gleich zu Spielbeginn? Im Abschlusstraining befasste sich die DFB-Elf ausschließlich (!) mit Übungen, wie man Pirlos Genialität, Laufwege, Pässe usw. unterbinden könne. Fassungslosigkeit machte sich da schon in mir breit. Dabei lief es noch zu dem Zeitpunkt fantastisch, denn es stand noch 0:0. Kroos ist kein Manndecker. Er ist zudem schlechter als Pirlo. Und, was noch viel schlimmer ins Gewicht fiel: Durch diese Maßnahme opferte Löw eine Position, einen Spieler. Die Aufstellung und das System beim Umschalten gerieten somit durcheinander.

   Positiv erwähnen sollte man dennoch die Anfangsphase der Deutschen. Teilweise mit ein bisschen mehr Glück, Kaltschnäuzigkeit und auch Genauigkeit wäre durchaus eine Führung verdient gewesen. 

   Doch dann zeigten die nächsten 30 Minuten, wie brutal kleinste Fehler bestraft werden können. Mats Hummels, bis dorthin sicherlich der stärkste Deutsche im Turnier, vielleicht noch neben Sami Khedira, leistete sich einen katastrophalen Stellungsfehler, stümperhaftes Defensivverhalten und leitete somit den Rückstand mit ein. Das zwei weitere Spieler auch um Cassano rumstanden und die Flanke nicht verhindern konnten, stimmt natürlich. Dass Badstuber auch schlecht zum Ball und Gegenspieler Balotelli stand, stimmt auch. Doch genau diese beiden Innenverteidiger lassen eine gefühlt nicht endenwollende Diskussion im Keim ersticken: Waren die vielen Bayern-Spieler in den Startelfs gerechtfertig oder hätten die erfolgreichen Dortmunder mehr zum Zuge kommen müssen? Hier zeigte sich: Weder der ganz wenig international erfahrene Hummels noch der etwas international erfahrenere Badstuber konnten das Gegentor verhindern. 

   Seit Monaten heißt es: Wie toll Deutschlands Team ist. Es war noch nie jünger. Es war noch nie spielfreudiger. Die letzten vier Turniere immer mindestens im Halbfinale gestanden. Doch, stopp!! Der Jugendwahn muss irgendwo aufhören. Wenn Deutschland am Sonntagabend den Pokal in die Luft gereckt hätte und der Altersdurchschnitt wäre 31 gewesen, wer hätte dann noch danach gefragt? Niemand. Es gewinnt nicht derjenige, der die jüngste Mannschaft im Turnier stellt. Auch die Argumentation 'Die jungen Wilden haben so viele tolle Jahre noch vor sich und werden so herangeführt', lasse ich nicht gelten. Denn das wird gefühlt auch seit 2006 schon erzählt. Es wird auch in den nächsten Jahren nämlich immer wieder der Fall sein, dass weitere jüngere Spieler nachkommen. Was macht Löw dann?

Michael Ballacks Gedächnisfreistoßtor

Fehl am Platze war auch Schweinsteiger. Er hat nicht nur ein schlechtes Spiel gemacht. Er hatte zwar auch zwei wirklich hervorragende Momente gegen Holland. Doch er hat sonst einfach nur schlecht gespielt. Es fehlte Fitness. Es fehlte Spritzigkeit. Es fehlte Genauigkeit. Es fehlte durch fehlende Kraft auch die Konzentration, die du auf solch' hohem Niveau brauchst. Ein Schweinsteiger, der fit ist, will ich auf keinen Fall missen. Doch Schweinsteiger war nicht fit. Er war es am Ende der Saison bei Bayern nicht, er war es nicht, als er zur Nationalelf dazu stieß und er war es nicht während des Turniers. Hier hätte ein zu 100% fitter Spieler der Mannschaft mehr helfen können. Der katastrophale Fehlpass in Halbzeit Zwei gegen Italien, als bei einem No-Look-Pass Richtung eigenen Strafraum einfach der Ball zum Gegner gespielt wurde, war sympthomatisch für seine Leistung bei diesem Turnier.

   Was war mit der großangekündigten Explosion Özils? Keine Frage, er war stets bemüht. Doch wer das gesagt bekommt, ist in der Schule durchgefallen. Note 6. Soweit will ich nicht gehen. Doch auch er muss sich hinterfragen, warum er im Halbfinale überraschend oft nach Ballverlusten resignierte, stehen blieb oder unzufrieden mit den Händen gestikulierte. 

   Ein Punkt, der mich seit Jahren schon auf 180 bringt: Standardsituationen. Ich weiß es nicht mehr genau, doch in diversen Qualifikationsspielen bereits in 2011 hatte ein Kommentator bereits einmal gesagt, wie ungefährlich Deutschland in dieser Disziplin seit Jahren ist. Herr Löw: Das kann man trainieren! In Erinnerung bleibt bei mir nur der direkt verwandelte Freistoßtreffer von Michael Ballack gegen Österreich bei der EM 2008. Die 50 Eckbälle im Halbfinale gegen Italien waren erschreckend harmlos. 

   Vorne ist Deutschland zwar immer wirklich gut und schießt gefühlt seit Jahren auch in jedem Spiel ein Tor. Doch wann spielten die Deutschen mal öfter zu Null? Spanien wird bei der EM für sein langweiliges Spiel kritisiert. Ich bewundere sie. Vielleicht wirklich bei dieser EM nicht für ihr Offensiv-Spiel. Doch das Pressing bei Ballverlusten ist einfach nur beeindruckend und beinahe perfekt. Und: Habt ihr euch mal ein bisschen die Mühe gemacht und recherchiert, wie viele Gegentore Spanien in den letzten Monaten kassiert hat? Viel Spaß dabei. Wie sagt man so schön: Spiele können über die Offensive gewonnen werden. Doch Titel erreicht man mit einer starken Defensive. Da reicht es leider auch nicht, einen der besten Torhüter der Welt im Tor stehen zu haben, der übrigens an jedem Gegentor der EM schuldlos war. 

   Ganz nebenbei: Neuer hatte mehr Kopfbälle im Spiel gegen Italien, als Mario Gomez. 

Italien mit dem besseren Paket

Das 0:2 war beispielweise auch eine Katastrophe - zumindest taktisch. Bei eigenem Eckball in der ersten Halbzeit stehen die Deutschen hinten viel zu offen. Warum Poldi am Mittelkreis und nicht am gegnerischen Strafraum stand für einen möglichen Abpraller, muss sich Löw einerseits fragen - und dann müssen Lahm und Poldi es auch vernünftig machen. Spieler dieses Kalibers müssen auf diesem Niveau und der Erfahrung wissen, wie man sich für Abseitsfallen verhält. Dass danach auch nur Lahm im Vollsprint hinterher geht und Poldi nur zurück trabt, ist noch einmal eine andere Geschichte.

   Doch eines muss man bei aller Kritik auch unterstreichen und betonen: Italien ist verdient in das Finale eingezogen. Nicht nur wegen des Deutschland-Spiels. Sie haben taktisch auf Weltklasse-Niveau gespielt. Sie haben mit Prandelli anscheinend einen überragenden Trainer, der es verstand, sein Team den Umständen und Gegebenheiten anzupassen und umzustellen (siehe bspw. die Wiedergeburt des Liberos de Rossi im Gruppenspiel gegen Spanien). Wie sagte Löw vor dem Turnier so schön: "Wir spielen nicht gegen Hoffenheim oder Nürnberg, das ist allerhöchstes Niveau." Richtig. Doch nicht nur bei den Spielern, sondern auch unter den Trainern zeigte der Italiener, dass Löw vielleicht noch einiges im Repertoire fehlt.

   "Sogar" spielerisch, was man den Italienern immer gerne in den letzten Jahren vorwarf, war es schnörkellos und einfach gut gespielt. Es scheint einfach, dass Italien eine Renaissance verpasst bekommt. Denn im Vergleich zu den letzten Jahren drohte Fußball-Italien immer mehr im Mittelmaß zu versinken im Vergleich zu den anderen großen Ligen England, Spanien und Deutschland. 

   Man muss diese Stärke anerkennen und den Italienern zu einem starken Spiel und einem bärenstarken Turnier gratulieren. Sie sind verdient ins Finale eingezogen, wo die beiden besten Teams der EM 2012 aufeinander treffen. 

Nicht alles auf den Kopf stellen

Doch bei aller Kritik wäre es jetzt falsch, alles infrage zu stellen. Jeder Anhänger weiß nach einer Niederlage alles besser. Jeder meint Bundestrainer werden oder sein zu können. Doch eines muss auch jedem bewusst sein: Eine Europameisterschaft ist (normalerweise; dieses Jahr nicht) das höchste Niveau im Weltfußball. Höher als bei einer Weltmeisterschaft. Kleinste Fehler werden hier bestraft. Wie beispielweise das zu hohe Pokern von Löw bei der Aufstellung. Wie die Stellungsfehler von Hummels, Badstuber und Poldi. Doch Fakt ist: Löw wird auch aus diesen Fehlern lernen. Er wird für die WM 2014 in Brasilien nicht so viel umstellen. Ein Götze muss 2013 verletzungsfrei bleiben. Ebenso wie Reus. Alternativen zu Schweinsteiger und Klose/Gomez müssen her und schon ist auch in zwei Jahren der erneute Halbfinaleinzig wieder möglich. Es ist nicht schlecht.

   Doch im Fußball zählen am Ende nun einmal nur Erfolge. Und die hat Löw bisher nicht vorzuzeigen.

   Doch keine Panik - und wir wollen ja schließlich den humoristischen Teil dieser Veranstaltung hier nicht völlig unter den Tisch fallen lassen: Im Dressurreiten, Faustball und Skat gehören wir zur Weltspitze. Ist doch auch etwas, oder?

 

Bleibt alle sportlich und bis nächste Woche auf'm Platz

Euer Raphael

 

 

 

 

Oftmals satirisch - es geht aber auch seriös und ernst! In schön unregelmäßigen Abständen schreibt Raphael Wiesweg für euch unsere Kolumne und blickt dabei auf die vergangene Woche, die Spiele und das Geschehen rund um den (Amateur)Fußball zurück.

 

"Titellos" - Prädikat: Weltklasse. Mindestens. Wenn nicht sogar noch mehr! Oder?

 

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Kommentare: 4

  • #1

    xXx (Sonntag, 01 Juli 2012 00:06)

    Ola Senhor Raphael,du hast ja doch richtig Ahnung vom Fussball!!!Sorry mein Freund,werde nie mehr was anderes behaupten;)))...Bis bald

  • #2

    DCWorld (Sonntag, 01 Juli 2012 13:26)

    Viele andere Nationen würden sich freuen, ein Team wie das deutsche zu haben. Da ist eine Mannschaft zusammengewachsen, die füreinander rennt und miteinander spielt. Vor allem ist das Gesamtbild ein harmonisches. Der Trainerstab wird respektiert, die Entscheidungen angenommen, die Spieltaktik umgesetzt. Was wollen die deutschen Fans bei so viel Positivem denn noch?

    Quelle: http://www.start-trading.de/blog/2012/07/01/em-so-sind-die-deutschen-eben/

  • #3

    ManU (Montag, 02 Juli 2012 08:37)

    kleine Anmerkung: so wie ich das in der Wiederholung gesehen hatte stand Balo beim 2-0 durch Poldi durchaus im Abseits, Lahm hat es aufgehoben. Ist jetzt aber schwierig das richtige Bild zu finden ;)

  • JimdoBusiness
    #4

    aufmplatz (Montag, 02 Juli 2012 09:45)

    @ManU:
    Du hast Recht, ich habe es mir in Ruhe auch noch einmal angeguckt und dann im Text angepasst.

    Sportliche Grüße
    Raphael

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