Interview: Marvin Höner und der Bottroper Fußball

Wer kennt ihn nicht? In Bottrop hat er als Spieler beeindruckt und polarisiert. Die Rede ist von Marvin Höner. Aktuell ist er Co-Trainer bei Oberligisten FC Bocholt. Wir haben mit ihm über den Bottroper Fußball und seine aktive Zeit gesprochen. Vorallem an den VfB Bottrop hat er prägende Erinnerungen.

Marvin Höner - im Bottroper Fußball bekannt wie ein bunter Hund. Seine aktive Spielerkarriere hat er auf Grund von Knieproblemen an den Nagel gehangen, doch mit dem Fußball ist er weiterhin verbunden. Aktuell ist er Co-Trainer beim Aufstiegsaspiranten in der Oberliga, dem 1. FC Bocholt. In Bottrop begann er mit dem Fußballspielen und durchlief auch mehrere Stationen und konnte gleich fünf Aufstiege bejubeln. Am Ende seiner Karriere wandte er sich vom Bottroper Fußball ab, prägende Erinnerungen bleiben ihm aber trotzdem. Höner beeindruckte mit seinem Können viele Zuschauer in Bottrop und grade bei den beliebten Hallenstadtmeisterschaften polarisierte Höner.

Auf’m Platz: „Bist du noch aktiv im Fußball tätig?“
Höner:„Ich bin tatsächlich noch aktiv im Fußball. Ich habe allerdings die Fußballschuhe gegen die Taktiktafel getauscht. Ich spiele selber nicht mehr aktiv und bin seit dieser Saison Co-Trainer beim FC Bocholt in der Oberliga. Bis dato konnten wir zehn Spiele spielen und sind nach neun Siegen und einem Unentschieden auf dem ersten Platz. Das ist ziemlich überragend und ich bin froh, dass ich dort Fuß fassen konnte und durch einen Kontakt reingekommen bin. Die erste Station als Trainer in der Oberliga zu haben ist natürlich schon überragend. Wenn alles gut geht und wir die Saison weiterspiele können, werden wir weiterhin daran feilen den Aufstieg in die Regionalliga umzusetzen. Das ist ein langersehntes Ziel vom Verein und der gesamten Umgebung in Bocholt. Ich glaube es wäre nicht so verkehrt mit 29 in der Regionalliga auf der Trainerbank zu sitzen.“

Auf’m Platz:„Wie hältst du dich in der Corona-Pause fit?“
Höner:„Tatsächlich ist es so, dass die Pause jetzt schon länger anhält. Anfangs haben wir den Spielern Wochenpläne mit Läufen mitgegeben und donnerstags per Videokonferenz Übungen gemacht, die ich auch mitgemacht hab. Wenn ich mal mittrainiert hab oder auch mittrainieren werde, bin ich auch so ehrgeizig, dass ich mithalten kann. Der ein oder andere Jogginglauf ist also drin. Mit dem neuen Jahr kommen ja auch immer neue Vorsätze und so habe ich jetzt auch meine Ernährung reduziert und umgestellt. Ich bin seit sieben Monaten im Homeoffice und Weihnachten hat sein Übriges getan, was meinen Bauch angeht. Ich kann nur sehr die Workouts auf YouTube von Pamela Reif empfehlen, die zwar sehr anstrengend aber auch erfolgreich sind. Ernährung und Sport stehen immer noch an erster Stelle.“

Auf’m Platz:„Was war dein schönstes Erlebnis im Bottroper Fußball?“
Höner:„Da muss ich lange überlegen. Es ist definitiv die schwerste Frage, da es nicht den einen Moment gibt sondern eher gewisse Phasen. Vieles wird oftmals auch einfach vergessen. Ich bin in meiner Karriere sechsmal aufgestiegen, davon fünfmal in Bottrop und sogar mit fünf verschiedenen Bottroper Teams. Mit Vorwärts 08 und der VfB Bottrop-Reserve in die Kreisliga A und mit Barisspor und Ebel in die Bezirksliga. Das in Ebel war eine schöne Geschichte, weil ich in Ebel geboren bin. Ich bin Ebeler Junge und habe dort das Kicken angefangen. Dann sind wir dort erstmals in der Vereinsgeschichte in die Bezirksliga aufgestiegen.
Auch damals der Aufstieg mit meinem Vater mit Vorwärts 08 war sensationell, weil es auch der erste war. Zu dem Zeitpunkt war ich eigentlich noch A-Jugendspieler und bin auf die große, harte Asche an der Paßstraße geworfen worden. In der Saison habe ich direkt 38 Buden gemacht. Das war zwar in der Kreisliga B, aber es war auch einfach schön.
Dazu kam noch ein fantastischer Aufstieg direkt in meinem ersten offiziellen Seniorenjahr mit dem VfB Bottrop in die Landesliga.“

Auf’m Platz:„Apropos VfB Bottrop. Wie würdest du deine Zeit beim VfB beschreiben?“ 
Höner:„Ich glaube, wenn man nach der schönsten Zeit im Bottroper Fußball fragt, wäre das die Zeit beim VfB Bottrop gewesen. Das erste Jahr in der Bezirksliga war unfassbar gut. Die Mannschaft war überragend mit Mevlüt Ata als Trainer.
Ich habe wahnsinnig viele tolle Leute kennenlernen dürfen, die für mich in meinem ersten Jahr auch sehr, sehr wichtig waren. Zum Beispiel Daniel Späth unser damaliger Kapitän, Aziz Rachidi, Göksal Yergök, Bülent Eyüsta – das war einfach eine Mannschaft die an Soccern gefüllt war, das war unglaublich. Später auch noch mit Patrick Drechsler und Marcel Siwek, das war schon echt die Creme de la Creme in Bottrop würde ich behaupten und eine unfassbar schöne Zeit.
Dann sind wir aufgestiegen, haben sogar mit schwierigen Voraussetzungen mit hängen und würgen die Landesliga gehalten.
Da bin ich später in der Winterpause noch von Schonnebeck zurückgekommen und wir haben den Abstieg aus der Landesliga verhindert. Anschließend sind wir noch mit der Reserve erstmals in die Kreisliga A aufgestiegen.
Von daher würde ich sagen, die Zeit beim VfB Bottrop war sehr, sehr schön, weil mich auch einfach wichtige Menschen begleitet haben. Ich habe sehr enge Freundschaften geknüpft. Bis heute verstehe ich mich super mit den Wolff-Brüdern oder Aziz Rachidi. Mevlüt Ata war zu dem Zeitpunkt ein wahnsinnig toller und guter Trainer für die Mannschaft, aber auch für mich persönlich. Arwit Roesler, der damals für den Verein tätig war und es heute noch ist. Es waren einfach prägende Leute, auch unser Betreuer Lorenz. Ich glaube der VfB war grundsätzlich meine schönste Zeit im Bottroper Fußball.“

Auf’m Platz:„Hast du heute noch Verbindung zum Bottroper Fußball?“
Höner:„Habe ich nicht mehr. Meine letzte Station, die ich in Bottrop hatte, war die Trainerstation bei den Damen vom SV Rhenania in der Bezirksliga. Die habe ich zusammen mit Marc Wittstamm trainiert, das war auch eine sehr lehrreiche Zeit.
Ansonsten habe ich tatsächlich keinen Kontakt mehr. Ich stehe mit keinem Trainer oder Verein in Kontakt, was aber auch nichts Schlimmes ist.
Grundsätzlich kann ich jetzt aus Erfahrung sagen, dass ich jedem Verein und jedem Interessierten sagen kann, er soll Kontakte knüpfen und sich ein Netzwerk aufbauen. Egal ob man in der Kreisliga A oder Bezirksliga spielt oder ein engagierter Jugendtrainer ist.
Ein Damian Apfel beispielsweise trainiert bei RW Essen die U19 und ist viel rumgekommen. Da kann man sich glaub ich viele Erfahrungen und Tipps abholen. Durch Social Media sind wir alle gut vernetzt.
Ich fände es sinnvoll, wenn man sich im Bottroper Fußball untereinander etwas mehr hilft.“

Auf’m Platz:„Besonders bei den HSM in Bottrop hast du immer beindruckt, aber auch polarisiert! Vermisst du die Zeit?“
Höner: „Tatsächlich vermisse ich die Zeit sehr. Ich habe mich immer wie ein kleines Kind auf die HSM gefreut. Das lag aber auch daran, dass mein Vater mich auch immer mitgenommen hat zur HSM. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mir die Späth-Brüder, Hasan Harputlu, Göksal Yergök, Christian Paul, Marc Wittstamm und viele weitere als Jugendspieler schon zocken gesehen habe und später das große Vergnügen hatte mit den Jungs gemeinsam auf der Matte zu stehen. Die HSM war von daher immer was Besonderes. Gerade auch der Reiz, dass ein B-Ligist den Bezirksligisten ärgern kann. Die Zuschauer haben noch ihr Übriges getan, im positiven als auch im negativen Sinne, was man fairerweise auch dazusagen muss.
Wenn ich mich an die HSM zurückerinnere, muss ich sagen war der erste HSM-Titel der schönste, als wir im Finale gegen Dostluskpor Bottrop mit 4:2 gewonnen haben und ich ungefähr von der Mittellinie ein Tor erzielt habe. Da habe ich den Ball gegen die Bande geschossen, der Ridvan (Ridvan Istek, d. Red.) als Torhüter ist rausgekommen und der Ball ist ins Tor gekullert. Das waren schöne Momente, weil du einfach Zocker hattest wie Patrick Drechsler, der ein Schuss wie ein Pferd hatte oder Marc Wittstamm, mit dem ich unfassbar gerne gespielt habe. Ich glaube es hat sich für die Leute immer gelohnt das Eintrittsgeld zu zahlen.

Es gab aber auch die Kehrseite der Medaille. Kein Event hat die Feindschaften der Vereine so sehr angeheizt, wie es die HSM getan hat. Das B- und A-Ligisten immer besonders motiviert waren gegen VfB Bottrop oder SV Rhenania zu spielen, konnten wir auch immer nachvollziehen, aber trotzdem war da immer eine etwas zu aggressive Stimmung dabei. Es ist ja heute noch so, dass die Fan-Lager getrennt voneinander sitzen und Fortuna und Rhenania besonders laut jubeln, wenn Welheim ein Tor gegen VfB schießt oder andersrum freuen sich die VfB-Anhänger, wenn Fortuna oder Rhenania gegen Kirchhellen verliert. Irgendwann war es mir grundsätzlich zu aggressiv. Es gab zu viele Verletzungen und Platzstürme. Ich würde mir aber immer noch gerne die HSM angucken, auch wenn ich glaube, dass die Qualität nachgelassen hat.“

Auf’m Platz:„Welchem Verein drückst du in Bottrop die Daumen?“
Höner:„Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich gar keinem Verein die Daumen drücke, da ich mit dem Bottroper Fußball abgeschlossen hab. Mir gefallen einfach zu viele Sachen im Bottroper Fußball nicht. Die ganzen Szenen, wo das Wappen geküsst wird und drei Wochen später spielen die Spieler bei dem Verein, den sie vorher bis aufs tiefste beleidigt haben. Das bei Facebook irgendwelche Posts gemacht werden, wo sich die Leute ärgern und beleidigen und sich rote Karten und Schlägereien häufe, dass gefällt mir einfach nicht.
Ich war auch ein aggressiver Spieler bzw. einer der gerne provoziert hat, allerdings ging es mir viel mehr um das Gewinnen als um die Schikane. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich bei einem Spielstand 2:1 jemanden getunnelt habe oder mich mit Zuschauern geprügelt hab. Von daher drücke ich keinem Verein die Daumen. Ich wünsche mir aber natürlich, dass so viele Mannschaften wie möglich in der Bezirksliga und dann auch in der Landesliga spielen. Ich glaube wir werden jetzt, wenn die Saison zu Ende gespielt wird, mit dem VfB oder dem SV Fortuna wieder eine Mannschaft in der Landesliga haben. Da kann ich nur sagen, dass der bessere gewinnen soll. Rhenania gehört für mich auch absolut in die Bezirksliga, die haben vieles richtig gemacht und was Marco Hoffmann und Sascha angeht viele gute Entscheidungen getroffen. Ich wünsche mir einfach, dass viele hochkommen und den Bottroper Fußball weiterhin gut und vor allem vernünftig vertreten. Alles andere wird sich in der Zukunft zeigen.“

Auf’m Platz: „Was wünscht du dir für die Zukunft im Bottroper Fußball?“
Höner:„Ich wünsche mir, dass wir alle wieder auf den Platz können. Außerdem, das die Plätze in Bottrop in einen vernünftigen Zustand kommen oder bleiben. Es ist heutzutage einfach sehr, sehr wichtig einen anständigen Kunstrasenplatz zu haben oder auch einen Rasenplatz. Das ist natürlich mit viel Pflege verbunden, allerdings ist Bottrop da auf einem sehr guten Weg da voranzuschreiten.
Was ich mir vor allem vom Bottroper Fußball wünsche und das beobachte ich seit zwei, drei Jahren, ist die Jugendarbeit in Bottrop. Ich glaube da muss der Fokus wieder deutlich stärker draufgelegt werden. Grundsätzlich wünsche ich allen Mannschaften von der Hobbyliga bis zur Bezirksliga den bestmöglichen Erfolg und natürlich Gesundheit.“

Auf’m Platz:„Werfen wir einen Blick auf den Jugendfußball in Bottrop. Was hat sich geändert und was sollte sich ändern?“
Höner:„Ich selbst habe unter Bodo Flamme bei Rhenania gespielt. Da war es so, dass der Bodo alle Plätze abgefahren ist und die Mannschaft mit Talenten gespickt hat. Er hat uns beigebracht, wie Disziplin und Arbeit auszusehen haben und dann haben wir nur knapp den Bundesligaaufstieg damals hinter MSV Duisburg verpasst.
Ich finde es sehr gut, was Fortuna viele Jahre lang gemacht hat in Person von Marco Hoffmann, dass die immer wieder auf die Jugendspieler gesetzt haben. Sie haben die Spieler früh reingeworfen und immer wieder hochgezogen haben. Letztendlich hat es länger gedauert bis die oben angekommen sind, aber man brauchte nicht das große Geld, was heute immer wieder der Fall ist.
Rhenania hat es auch super gemacht. Die haben Gerd Gotsche als Trainer verpflichtet, der bei Schalke und RWO in der Jugend trainiert hat. Ich habe in der U19 auch unter ihm gespielt. Es ist einfach sehr wichtig, dass man sich Leute ranholt, die nicht nur engagiert sind sondern auch Qualität bringen. Man muss sich Menschen ranholen, die schon ab der C-Jugend klare Struktur reinbringen. Wenn du die Sachen früh nicht gelernt hast, wirst du sie später nämlich nur sehr schwer nachholen können.
Ich habe in der C-Jugend schon beigebracht bekommen, was ein Deckungsschatten ist, wie man eine Kette aufbaut, was ein vernünftiges Aufbauspiel ist und wo und wann ich mich reinfallen lasse. Das hört sich vielleicht bisschen witzig an, wenn die 1. Mannschaft nur in der Kreisliga A spielt oder so, aber das ist auch für die Zukunft der Spieler sehr wichtig.
Ich glaube, wenn man in der Jugend noch professioneller und strukturierter arbeitet hat man später auch für die 1. Mannschaft eine deutlich bessere Grundlage. Wenn man sich mal anguckt, wie viele gute Spieler in den letzten meinetwegen acht Jahren immer wieder Bottrop verlassen, weil der Seniorenfußball nicht interessant ist und sie aber eine gute Jugendausbildung hatte, ist es doch sehr schade. Ein Saki Mitrensis, Jura Adolf, Marcel Kalski, Marcel Titz oder damals auch meine Wenigkeit. Alle haben in der Niederrheinliga in der Jugend gespielt. Die hätte man alle nach Bottrop schnellstmöglich wieder zurückholen müssen, weil es einfach Bottroper Jungs sind. Schade das die Jungs, die in Bottrop das Fußballspielen gelernt haben, in Oberhausen oder Essen kicken. Da würde ich mir wünschen, dass man die Jugendarbeit professioneller angeht und nicht immer mit Geld Spieler aus anderen Städten lockt.“

Auf’m Platz:„Brennt dir sonst noch was auf der Seele, was du loswerden willst?“
Höner:„Grundsätzlich glaube ich, dass es einfach aktuell eine sehr, sehr schwierige Zeit ist. Ich glaube viele Menschen haben sich schon unterschiedlich dazu geäußert. Ich kann nur jedem Gesundheit wünschen und das wir bald wieder ein alltäglicheres Leben zurückbekommen. Ich sehe auch eine große Gefahr bei der Jugend, die mit dem Fußball aufwachsen sollte. Ich habe bei Euch den Artikel mit Burak Akpinar gelesen. Ich sehe da auch eine große Gefahr, dass viele Kinder die jetzt in einem Alter sind, wo sie draußen spielen sollten, jetzt in eine Trägheit kommen. Da setzen sie sich lieber vor die Playstation oder vor das IPad. Wir haben sowieso schon die IPhone-Generation, wo alles nur noch digital ist und man sechs Stunden am Tag vor irgendeinem Bildschirm hängt. Da muss man schnellstmöglich gegenwirken, dass die Kinder sinnvoll beschäftigt werden und aktiv wieder Raus können.Ansonsten wünsche ich allen Gesundheit und hoffe, dass es für den Bottroper Fußball aber auch für den 1. FC Bocholt nach oben geht.“

Foto: FC Bocholt